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HeptaSean

Ein bisschen Piratenpartei, ein bisschen alles andere

Mein Traum-LqFb – Delegationen

OK, ich wollte noch was zu Delegationen und Nachvollziehbarkeit vs. Datenschutz in Meinungsbild-Tools schreiben. Das mache ich jetzt mal in Form einer Skizze, wie ich mir ein möglichst gutes LiquidFeedback-System vorstelle. Zunächst soll es um Delegationen gehen.

Die Möglichkeit zu Delegationen ist eine der teilweise umstrittenen Möglichkeiten in LqFb. Abgesehen davon, dass das „Liquid“ gerade für diese Möglichkeit transitiver Delegationen steht (und ein LqFb komplett ohne Delegationen somit etwas wie ein Wiki mit nur einem Nutzer, der Änderungen vornehmen darf, wäre), halte ich sie auch inhaltlich für essentiell wichtig.

Lösung für das Zeit- und Mengen-Problem

Mit der gestiegenen Zahl an Mitgliedern wird zwangsläufig auch mehr inhaltlicher Input kommen, den kein Pirat mehr alleine bewältigen kann. Dies sieht man schon an den zahlreichen und immer wieder vertagten Anträgen zu den Bundeparteitagen. Während der Diskussions- und „Eingefroren“-Phase werden Anregungen zu Änderungen an den Initiativen und Alternativ-Initiativen eingestellt. Damit das System möglichst gut funktioniert, müssen auch diese bewertet und unterstützt werden. (Bei Anregungen ist auch die Bewertung, ob die Anregung zur Zufriedenheit umgesetzt ist, wichtig.)

Dies kann ein einzelner Nutzer schon zeitlich nicht für alle Initiativen im Bundes-LqFb (und perspektivisch wohl auch in den Landes-Instanzen) leisten. Er kann aber sehr wohl in den anfänglich in einer Initiative aktiven Nutzern einen Delegierten auswählen, der das weitere intensive Betreuen des Themas übernimmt (oder weiterdelegiert, sollte er es nicht weiter verfolgen).

Übrigens zeigen die Erfahrungen in den existenten LqFb-Systemen, dass während der letztendlichen Abstimmung deutlich weniger Delegationen genutzt werden als während der Diskussion. Nichtsdestotrotz ist auch hier Delegation sinnvoll, um dem Verpassen der Abstimmungs-Phase für ein Thema zu begegnen.

Möglichkeit zur „Experten“-Delegation

Außerdem ist es auch sinnvoll, von einem selbst als kompetenter (oder auch nur im Thema engagierter) empfundene Nutzer zu delegieren. Hierzu zwei Beispiele:

Alternative Enthaltung?

Als Alternative wird häufig angeführt, dass sich Nutzer, die nicht die Zeit haben, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, enthalten und das Thema den in diesem Bereich aktiven Piraten überlassen sollen. Dies halte ich aus den schon in den beiden Beispielen genannten Gründen für keine zufriedenstellende Lösung. Meiner Erfahrung nach neigen gerade die Vertreter radikaler und oft weder mehrheitsfähiger noch vernünftiger Lösungen dazu, sich eben nicht an diese Empfehlung zu halten. Beispiele hierfür lassen sich auf einigen der bundesweiten AG-Mailinglisten finden. Die Konsequenz ist, dass zu oft dann einige vernünftige, engagierte Piraten einer Mehrheit an „Experten“ in ihrem Themen-Bereich gegenüberstehen, gegen die sie keine Chance haben, obwohl sie unter den nicht direkt involvierten Piraten möglicherweise große Unterstützung hätten. Diese Unterstützung sichtbar zu machen, ist auch ein Ziel der Delegationen.

Global- und Themenbereichs-Delegationen

Besonders umstritten sind die Global- und Themenbereichs-Delegationen, bei denen nicht nur für ein bestimmtes Thema, sondern für einen Themenbereich oder gar für alle Themenbereiche delegiert wird.

Fehlender Delegations-Verfall

Da in den Systemen der Piraten bis jetzt kein Verfall dieser Delegationen implementiert ist, wird immer wieder der nicht von der Hand zu weisende Verdacht geäußert, dass ein größerer Teil dieser Delegationen „vergessene“ Delegationen aus der Anfangszeit der Systeme sind. Ein Verfall nach einer gewissen Zeit ist daher meiner Meinung nach zwingend nötig.

Ansammlung vieler Stimmen bei Einzelnen

Der viel wichtigere Grund für die Ablehnung ist, dass die zeitlich lang laufenden Delegationen in den bisherigen Systemen zur Akkumulation von sehr vielen (potentiellen) Stimmen bei einzelnen Nutzern führen. Ob dieser Effekt bei einem länger laufenden und vor allem intensiver genutzten System und bei Verfall von Delegationen anhält, ist noch nicht geklärt und meines Erachtens fraglich. Wenn tatsächlich viele der verschiedenen Meinungen und Strömungen in der Partei auch im LqFb repräsentiert sind und die Delegationen nutzen, sollten sich die Stimmen eigentlich auf entsprechend viele Cluster verteilen.

Das Argument der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber diesen „Super-Delegierten“ kann ich nicht vollständig gelten lassen. Mir ist eigentlich ziemlich egal, ob ich in einer Abstimmung wenigen mit viel Vertrauen oder einer Menge unterliege. Wenn ich die andere Meinung für falsch halte, ändert es nichts, ob die Multiplikatoren, die ich leider nicht überzeugen konnte, direkt mit delegierten Stimmen abstimmen oder mit ihrer Meinung die Masse beeinflussen. Es ist auch nicht so, dass diese Ansammlungen von Delegationen direkt auf die jeweiligen Nutzer gehen, sondern sie sind meist über Zwischenstufen dort gesammelt. Es gibt also die Möglichkeit, in der (selbstverständlich parallel auf allen Medien stattfindenden) Diskussion auch diese Nutzer zu überzeugen. Es gibt keine Abhängigkeit von „Super-Delegierten“.

Fraglicher Zuschnitt der Themenbereiche

Die Themenbereichs-Delegationen sehe ich allerdings sehr kritisch, da die Einordnung eines Themas in einen Bereich oder einen anderen Bereich viel zu oft recht willkürlich ist. Außerdem sind die bis jetzt implementierten Themenbereiche eigentlich zu groß und heterogen, um sinnvoll einen Delegierten auf der Grundlage einer Eigenschaft als „Experte“ wählen zu können.

Zwiespältige Global-Delegationen

Global-Delegationen haben natürlich ebenfalls den Nachteil, dass eine wirklich die eigene Meinung repräsentierende Vertretung in allen Themen extrem unwahrscheinlich ist. Auf der anderen Seite kann bei einem weiteren Anstieg der Initiativen-Anzahl schon die Auswahl eines geeigneten Vertreters für alle Themen eine nicht zu bewältigende Aufgabe werden. Bei einer Kette von Global-Delegationen würde es hingegen reichen, wenn ein Nutzer aus dieser Kette sich an einem Thema beteiligt oder einen Themen-Vertreter auswählt.

Ob dies aber tatsächlich im Sinne des Delegierenden geschieht, erscheint eher unklar. Eine Übersicht, welche Initiativen man durch welche Delegations-Ketten indirekt unterstützt und wie man indirekt die Anregungen zu diesen bewertet, würde hier zumindest begrenzt Abhilfe schaffen, da ja jederzeit die Möglichkeit besteht, sich selbst um ein Thema zu kümmern oder einen geeigneteren Themen-Delegierten zu suchen.

Fazit

Themenspezifische Vertretungen (auch vererbbare) halte ich für essentiell wichtig. Bei den lang laufenden Delegationen sehe ich aber momentan mehr Nachteile als Vorteile, würde also für ein System plädieren, das sich auf themenspezifische Delegationen beschränkt.

Comments

Posted by Pompeius at
Danke für die Darstellung. Ich stimme in vielen Punkten überein und möchte einige eigene Gedanken hinzufügen.

Ich denke, die Idee an Liquid Democracy ist damit zu können, was ein Parlament kann, aber dann noch mehr. Der Stephan Eisel nannte dies vor kurzem "das Recht auf politische Arbeitsteilung". Der Bürger - denn er sprach über Staaten, nicht Vereine - habe das Recht regelmäßig zur Wahl zu gehen und sonst nichts zu tun.

Dieses Argument erschien direkt bestechend, auch wenn es nicht ganz auf repräsentative Demokratie passt wie Herr Eichler meint. Denn dort kann der Bürger nicht viel mehr tun. Es passt aber hervorragend auf die Grundidee von Liquid Democracy: Statt sich gezielt mit der Materie zu beschäftigen, hat der Stimmberechtige das Recht (nicht die Pflicht), seine Stimme weiterzugeben.

Insofern erscheint die  Möglichkeit der Globaldelegation zwingend und die Frage, ob er denn in allen Punkten nach seinem genauen Willen vertreten würde, nicht so wichtig: Der Prerogativ ist sich vertreten zu lassen ohne Einschränkung.

Die Vertretung sollte, und da stimme ich dir absolut zu, zeitlich begrenzt sein. Auch dies entspricht dem repräsentativen System, für welches das liquide ein Update sein soll. Durch die technischen Möglichkeiten kann der Verfallsturnus auch eher kurz sein.

Gegen die Globaldelegation im partei-internen Verfahren ließe sich ein Gegenargument anführen: Anders als ein Staat ist eine Partei ein privater Verein. Wer drin ist, ist also freiwillig Mitglied geworden, während man gegen seine Staatsbürgerschaft nicht all zu viel tun kann (außer sich eine neue zu suchen). Während man nun aus der zwangsweisen Staatsbürgerschaft einen Anspruch auf absolute Repräsentation ableiten kann, gilt dies bei einer freiwilligen Vereinsmitgliedschaft nicht notwendiger Weise.

Die Frage ist nun also eine primär politische: Fahren wir Liquid Democracy in Reinform oder erklären wir, dass wir als privater Verein eine minimale Mitarbeit von unseren Mitgliedern fordern, und daher auf gobale Delegation verzichten? - Beides ist möglich und beides hat etwas für sich.

Zu transitiver Delegation bin ich mir noch nicht ganz klar. Insbesondere wäre die Frage, ob bei verschiedenen Delegationsformen hinsichtlich der Transitivität unterscheiden sollte.
Posted by Jürgen aks Enavigo at
Experten sind was ?

Personen die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet verfügen ! ?

Unterteilen wir diese jetzt mal in Experten, die sich ihr Wissen fachlich korrekt, d.h. durch Studium und stetige Weiterbildung und in Personen, die ihr Wissen durch Learning by doing erlangt haben.
Wie will ich als Laie entscheiden wer der bessere Experte ist, besonders wenn es sich um eine spezifische Thematik eines mir nicht bekannten Fachgebietes handelt. (z.B. Gentechnik)

Da führst du an, für viele Gebiete wärst du kein Fachmann und hättest auch nicht die Zeit dich in die entsprechende Thematik einzuarbeiten.
Wie aber willst du dann entscheiden wer auf diesem Gebiet ein Fachmann ist ?
Möchtest du dich hier von deinem Bauchgefühl leiten lassen, - und was würde dies bedeuten ?
Oder möchtest du auf den Studienabschluss achten, oder auf sein jetziges Arbeitsgebiet, oder auf eine Ausarbeitung die du in den Medien gelesen/gehört hast, usw, usw ?

Wie willst du hier die für dich richtige Entscheidung treffen, ohne dich entsprechend einzuarbeiten oder zu informieren ?
Und wenn du dies machst, kannst du nicht auch wieder selber abstimmen, ohne Macht zu delegieren ?

Wird nicht heute schon in dem jetzigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System die Entscheidungsfindung fast ausschließlich von sog. Expertenteams vollzogen ?

Was also würde sich an diesem System ändern wenn die Piraten ihre Entscheidungsfindung auch wieder aus den eigenen Händen in die Hände von „Experten“ legen ?
Und seien es „Piraten-Experten“ die dann schnell auch nicht mehr vor Lobbyismus geschützt wären, denn überall wo sich Macht ballt ist Korruption ein Thema.

Warum wünschen wir direkte Demokratie, wenn wir nicht bereit sind uns für diese auch zu informieren, oder aber zu sagen ich enthalte mich, wenn ich mir nicht sicher bin.

Für mich ist somit das Thema Delegation kein Thema, da sich die wichtige Verantwortung des Einzelnen wieder vom „mündigen, selbst denkenden Bürger“ hin zu einem „mach du das mal Bürger“ verlagert.
Posted by HeptaSean at
„Experten“ sind zunächst ganz einfach diejenigen, die die Stimmberechtigten für solche halten.

Wenn Du den Stimmberechtigten zutraust, dass sie ihre eigene Kompetenz in einem Thema so weit einschätzen können, dass sie dann auch noch ehrlich genug sind, sich im Zweifel zu enthalten, sehe ich keinen Grund, ihnen nicht auch die Kompetenz zuzutrauen einen „Experten“ für ein Thema auszuwählen.

Ich habe bei der ersteren Kompetenz sogar größere Bedenken als bei der zweiten, was ich eigentlich in anderen Worten unter „Alternative Enthaltung?“ schon versuchte darzustellen.

Natürlich ist das kein digitales Ding zwischen „Ich kann absolut sicher entscheiden, wer ein absolut vertrauenswürdiger Experte auf dem Gebiet ist.“ und „Ich habe von Tuten und Blasen keine Ahnung.“, sondern es ist – wie so vieles ein Kontinuum – und in diesem Kontinuum halte ich die Kompetenz, einen (zu meiner Meinung kompatiblen) Fachmann von einem Dampfplauderer zu unterscheiden, für /wesentlich/ leichter zu erreichen als die Kompetenz, selbst in allen Details des Gebiets zu entscheiden.

Es sind also zwei Gründe, die für Delegation statt Selbst-Machen oder Bleiben-Lassen sprechen: Detail-Kenntnis und – wie schon mehrfach und in vielen Varianten argumentiert – die Zeit, die es braucht, nicht nur einen Überblick über das Thema zu bekommen, sondern jeden Vorschlag in diesem Thema ausführlich zu begutachten und zu würdigen.
Posted by Jürgen aka Enavigo at
„Experten“ sind zunächst ganz einfach diejenigen, die die Stimmberechtigten für solche halten.

Sorry, da werden wir uns wohl so schnell wirklich nicht einig ...

Dampfplauderer von einem kompetenten Fachmann zu unterscheiden mag möglich sein.
Aber z.B. einen rhetorisch geschulten „Stimmenfänger“ von einem wirklichen Fachmann zu unterscheiden ist meiner Meinung nach nur mit erhöhtem Zeitaufwand möglich, wenn überhaupt.

Daher öffnet so eine Delegation dem Lobbyismus Tür und Tor, (denn diese können Fachleute jeder  Richtung aufbieten) - genau dies aber zu verhindern war/ist einer der Gründe warum ich in die Piratenpartei eingetreten bin.

Relativ zeitnah wirkliche thematische Abgrenzungen zu erkennen, auf Grund von Beiträgen auf einem Parteitag oder von Publikationen, dies erachte  ich für die große Masse der Bürger als unlösbares Problem.

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