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Ein bisschen Piratenpartei, ein bisschen alles andere

Wir haben ein Kommunikations-Problem!

Das rasante Wachstum der Piratenpartei macht fast alle Kommunikations-Kanäle unbrauchbar, noch unbrauchbarer als sie bisher schon waren.

Kommunikations-Überlauf

Die Aktiven-Liste habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Den Newsreader, in dem ich auch alle anderen synchronisierten Listen lesen kann, starte ich kaum noch. Doch inzwischen läuft auch unsere Landesliste, die ich als Mitglied des LaVor zumindest halbwegs im Auge behalten sollte, über.

Ich habe den Eindruck, dass wir uns einem Punkt nähern oder ihn schon erreicht haben, an dem insbesondere die Mailinglisten nicht mehr mit der Anzahl der Mitglieder skalieren. Obwohl nur ein Bruchteil der Piraten auch auf den Mailinglisten angemeldet ist und davon wiederum nur ein Bruchteil auch regelmäßig Beiträge schreibt, wird das Verfolgen der wichtigsten Listen langsam zu einem Full-Time-Job.

Gleichzeitig wird der Ton immer öfter gereizt und immer häufiger erreichen wichtige Informationen nicht alle, da sie in der Fülle der Mails untergehen oder nicht auf alle relevanten Listen weitergeleitet werden.

Im Mumble und im Wiki ist es noch nicht ganz so schlimm. Im Fall von Mumble liegt das, denke ich, unter anderem daran, dass nur die Zeit-Elite es sich leisten kann, dort regelmäßig die Abende zu verbringen. Im Wiki hat sowieso jedes Grüppchen seine eigene kleine Ecke, was meistens auch mehr Fluch als Segen ist, da es dazu beiträgt, dass man dort kaum etwas findet.

Das einzige Tool, das einigermaßen skaliert, ist meiner Wahrnehmung nach LiquidFeedback. Wenn man sich davon verabschiedet, alle Initiativen persönlich zu verfolgen, und stattdessen themenspezifische Delegationen setzt, scheint LqFb auch noch mit wesentlich mehr Verkehr recht anständig zu funktionieren. LqFb ist aber explizit nicht als Diskussions- oder gar Kommunikationstool gedacht. Die (leider auch nur teilweise vorhandenen) externen Diskussions-Seiten sind viel zu oft verwaist – egal ob Wiki, Pad oder etwas eigenes verwendet werden. Für Organisatorisches oder einfach eine Diskussion zum Tagesgeschehen ist LqFb natürlich überhaupt nicht geeignet.

Viele Piraten scheinen – wiederum meinem Eindruck nach – inzwischen private Blogs und Twitter den Partei-eigenen Kommunikations-Medien vorzuziehen. Das kann aber eigentlich keine Lösung sein. Wenn wir weiterhin Mitmach-Partei sein wollen, dann halte ich es zumindest für problematisch, wenn die Sichtbarkeit der eigenen Beiträge davon abhängt, wie gut man mit den Alpha-Bloggern und -Twitterern der Partei vernetzt ist.

Wie müsste ein LiquidCommunication-Tool für die Piratenpartei aussehen?

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt als Wünschi oute, möchte ich kurz skizzieren, wie ich mir eine integrierte Kommunikations-Plattform, die mit großen Teilnehmerzahlen skaliert, vorstellen würde.

Bewertungssystem

Eine mehrdimensionale Bewertung (mit mindestens den Dimensionen „lesenswert“ und „inhaltliche Zustimmung“) würde, denke ich, dazu beitragen, dass eine für das eine davon gedachte Möglichkeit nicht für das andere missbraucht wird. Ich hoffe, dass Piraten dazu in der Lage sind, gute Debattenbeiträge auch als lesenswert zu beurteilen, wenn sie ihnen nicht zustimmen. Umgekehrt ist der hundertste “Me too”-Beitrag nicht lesenswert, auch wenn man ihm zustimmt.

Ist eine Bewertung überhaupt nötig? Sind nicht alle Meinungen und alle Piraten gleich viel wert? War nicht genau das der Grund, warum ich die Verlagerung des innerparteilichen Diskurses in die Blogosphäre und auf Twitter nicht ganz unkritisch sehe?

Nun, wenn hunderte (und in naher Zukunft wahrscheinlich tausende) Menschen kommunizieren wollen und wir auch der Nicht-Zeit-Elite weiterhin Teilnahme an der Debatte ermöglichen wollen, dann müssen wir Filter-Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Die Bewertung sollte dabei natürlich nur eines der möglichen Kriterien sein, welches aber wichtig ist, um die Stimmung und die Interessenlage der Gesamtheit der aktiven Nutzer (unabhängig von der Gnade einzelner Multiplikatoren) abzubilden (die dann hoffentlich ein Großteil der aktiven Piraten sind, was bei Mailinglisten verständlicherweise und bei LqFb leider auch nicht der Fall ist).

Andere Filtermöglichkeiten

Alternative Filter könnten beispielsweise orts- bzw. gliederungsbezogen Beiträge, die bestimmte KV oder LV betreffen, oder die Beiträge und Beitrags-Empfehlungen (gekoppelt an die lesenswert-Beurteilungen) bestimmter Piraten hervorheben. Bei letzterem wäre es, denke ich, gut, wenn man das getrennt abonnieren könnte, um Fälle abzudecken, in denen zwar die eigenen Beiträge eines anderen Nutzers interessieren, er aber für Geschmack oder Zeit-Kontingent zu viele Beiträge anderer empfiehlt.

Kommentarfunktion

Kommentare müssen absatzweise möglich sein und nicht nur auf einen ganzen Beitrag bezogen. Sie sollten ebenso wie die ganzen Beiträge bewertet und nach Bewertung sortiert bzw. ein- und ausgeblendet werden können.

Für Fälle, in denen das Ziel des Beitrags ein ausgewogener Text, ein Antrag oder ähnliches ist, in denen also die Autoren des Hauptbeitrages ein Interesse daran haben, auf Kommentare einzugehen, sollen Kommentare nach Änderung des Hauptbeitrages als „erledigt“ markiert werden können, wenn dies sowohl die Autoren als auch der Kommentator bestätigen, wobei die Bedeutung von „erledigt“ variieren kann – Übernahme einer Anregung für ein weiteres Argument, explizites Erwähnen und Eingehen auf ein Gegen-Argument, …

Beitragsarten

Da das System in erster Linie die nicht mehr funktionierende Kommunikation auf Mailinglisten (und im Sync-Forum) ersetzen soll (in zweiter Linie auch – dort, wo es sinnvoll ist – das Wiki und die Pads), sollten langfristig folgende Arten von Inhalten unterstützt werden:

Pad-Wiki-Integration

Zum Editieren der Inhalte stelle ich mir eine Kombination aus Pad und Wiki vor. Beim Aufruf eines Beitrags sieht man zunächst die aktuelle Revision. Für das Editieren wird aber ein Pad-ähnliches Interface verwendet, in dem mehrere Nutzer gleichzeitig schreiben können. Das Speichern einer Revision führt dann dazu, dass sich der Beitrag ändert. Auf diese Weise wird das Hin- und Herkopieren zwischen Wiki und Pads mit doppelten oder nicht-synchronen Inhalten vermieden.

Welche Nutzer?

Meiner Meinung nach sollte das Erstellen von Hauptbeiträgen und die Bewertung akkreditierten Piraten (über das hoffentlich bald verfügbare Piraten-ID-System?) vorbehalten sein, während das Hinzufügen von Kommentaren durchaus anonym möglich sein sollte.

Je nach Art des Inhalts sollten verschiedene Rechte verschiedenen Gruppen von Benutzern eingeräumt werden können. Für einen essayistischen Meinungs-Beitrag wird beispielsweise in der Regel ein Haupt-Autor allein das Editier-Recht haben wollen und allenfalls auf Kommentare eingehen, während es für ein Protokoll einer Sitzung dagegen oft sinnvoll ist, wenn alle Teilnehmer im Pad editieren, aber nur Mitglieder des jeweiligen Vorstandes Revisionen speichern können.

Eierlegende Wollmilchsau?

Es ist mir bewusst, dass das hier skizzierte äußerst umfassende Eines-für-Alles-System der “Right Tool for the Job”-Philosophie vieler widerspricht. Wenn wir es irgendwie schaffen können, ein solches System zu realisieren, halte ich das aber trotzdem für richtig. In den unzähligen Tools – Mailinglisten, Foren, Wiki, Pads, mit Installationen beim Bund, bei den LV, teilweise auch schon bei den KV – verlaufen sich nicht nur Neu-Piraten regelmäßig. Hier halte ich eine Lösung über alle Gliederungen für angebracht.

Explizit nicht in das System integriert werden sollen:

Realisierbar?

Ist das realisierbar? Sicher, technisch spricht nichts dagegen und bei der allgemeinen Unzufriedenheit über Mailinglisten und Wikis ist auch eine Akzeptanz durch die Piraten nicht völlig unwahrscheinlich. Der Implementierungs-Aufwand könnte aber „etwas“ größer sein. Andererseits fließt momentan auch viel Aufwand in die verschiedenen nebeneinander existierenden Tools, die mehr oder oftmals auch weniger geliebt sind.

Zumindest einer der Kandidaten für den neuen Bundesvorstand hat schon ein „Debattenportal“ auf der Agenda. Vielleicht kann diese Skizze ja ein Anfang sein.

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