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Ein bisschen Piratenpartei, ein bisschen alles andere

Zur „BuVo-Umfrage“

Die jüngste „BuVo-Umfrage“ in der Piratenpartei – insbesondere der Teil, der sich mit der Gestaltung des kommenden Bundesparteitags in Neumarkt befasst – ist einiger Kritik ausgesetzt. Hier soll es nicht um die leidige „Wahlcomputer“-Frage gehen. Für eine nicht rechtsverbindliche Umfrage halte ich eine Manipulation für ausreichend unwahrscheinlich und die Ergebnisse für ausreichend plausibel. Viel mehr soll es um die Tücken des eingesetzten Bewertungswahl-Verfahrens gehen.

Bei der Bewertungswahl werden verschiedenen Alternativen Punkte in einem vorgegebenen Bereich (in diesem Fall 0 bis 5) gegeben. Es ist völlig klar, den rundheraus abgelehnten Alternativen 0 Punkte und den absoluten Favoritinnen 5 Punkte zu geben. (Dies ist bei einigen auch oft eingesetzten Wahlverfahren wie Instant-Runoff oder einfache Mehrheitswahl mit oder ohne Stichwahlen nicht der Fall.) Das Problem ist zu entscheiden, wieviele Punkte mittelmäßigen Alternativen gegeben werden.

Die optimale Strategie ist vielen Überlegungen und auch Experimenten zufolge, zu maximieren und allen Alternativen, die besser als der Durchschnitt der (aussichtsreichen) Alternativen sind, die volle Punktzahl und allen anderen keine Punkte zu geben. Es gibt allerdings Computer-Simulationen (einer jedoch alles andere als neutralen Gruppe), die zeigen, dass unter gewissen Annahmen die „ehrliche“ Vergabe von Punkten ein sehr gutes Ergebnis ergibt – gemessen an der allgemeinen „Zufriedenheit“ bzw. umgekehrt am sogenannten „Bayesian Regret“.

Die Bewertungswahl wird mit der Vergabe maximierter Punkte zur Zustimmungswahl, die ja tatsächlich auch ein Spezialfall der Bewertungswahl mit Bewertungs-Bereich 0 bis 1 ist. Eine (insbesondere bei der Zustimmungswahl von Vorständen) häufig angewandte Taktik ist die Stimme ausschließlich für die Favoritin abzugeben – das sogenannte „Bullet-Voting“. Der Gedanke dahinter ist, dass eine Entscheidung zwischen der Favoritin und eher mittelmäßigen Kompromissen für gut möglich gehalten wird und eins in diesen Entscheidungen der Favoritin nicht schaden möchte. Hierfür wird in Kauf genommen, dass diese Kompromisse dann auch geringere Chancen gegen die persönlich als wirklich schlecht empfundenen Alternativen haben.

Beim Design der Frage nach der Gestaltung des Bundesparteitags kommt hinzu, dass die Alternativen so gestellt waren, dass die Möglichkeit bestanden hat, dass sich die irgendeine Art von Wahl bevorzugenden „Bullet-Voter“ auf wesentlich mehr Alternativen aufteilen als die anderen.

Ausgehend von den veröffentlichten Roh-Daten, gucken wir uns erstmal die Punktsummen (und daraus errechnet die durchschnittlich vergebenen Punkte) an, wie sie auch vom Bundesvorstand als Grundlage der Auswertung verwendet wurden. Zusätzlich gibt die folgende Tabelle aber auch die Anzahl und den Anteil der Abstimmenden an, die einer Alternative jeweils überhaupt Punkte (1 bis 5) und mehr als die Hälfte der Punkte (3 bis 5) gegeben haben. (Es wird also im Prinzip simuliert, was bei optimalem taktischen Wählen aller Abstimmenden und der daraus resultierenden reinen Zustimmungswahl geschehen wäre.)

Alternativen Punkte ≥1 ≥3
Summe Schnitt Anzahl Anteil Anzahl Anteil
2 Tage Programm 14603 2,8883 3721 74 % 3095 61 %
3 Tage Nachwahl/Pr. 9949 1,9678 2946 58 % 2069 41 %
2 Tage Neuwahl 9533 1,8855 2812 56 % 1896 38 %
3 Tage SMV/Pr. 8652 1,7112 2723 54 % 1751 35 %
3 Tage SMV/Neuw. 6778 1,3406 2206 44 % 1285 25 %
Anderes 2108 0,4169 453 9 % 427 8 %
Egal 1228 0,2429 372 7 % 238 5 %

Dies ändert schon mal am Ergebnis nichts. Alle drei Auswertungen ergeben genau die gleiche Reihenfolge.

Bis jetzt wurde allerdings Bullet-Voting nicht in Betracht gezogen. Sehen die Alternativen mit irgendeiner Form von Wahl so schlecht aus, weil die Abstimmenden gerade bei diesen nur jeweils einer einzigen Alternative Punkte gegeben und die Stimmen dadurch unglücklich aufgeteilt haben? Die Zahl der Bullet-Voter (also Abstimmender, die nur einer einzigen Alternative überhaupt Punkte gegeben haben) ist mit 943 (19 %) recht hoch, die der Fast-Bullet-Voter (also Abstimmender, die nur einer Alternative 3 Punkte oder mehr gegeben haben) mit 1489 (29 %) noch etwas höher. Die folgende Auswertung nach Alternativen zeigt allerdings, dass über die Hälfte der Bullet- und Fast-Bullet-Voter eine der Alternativen ohne Wahl oder „Egal“ bevorzugen und damit schon nicht die Alternativen mit Wahl benachteiligen.

Alternative Bullet-Voter Fast-Bullet-Voter
Anzahl Anteil Anteil ≥1 Anzahl Anteil Anteil ≥3
2 Tage Programm 360 7 % 10 % 651 13 % 21 %
3 Tage Nachwahl/Pr. 124 2 % 4 % 185 4 % 9 %
2 Tage Neuwahl 183 4 % 7 % 304 6 % 16 %
3 Tage SMV/Pr. 51 1 % 2 % 75 1 % 4 %
3 Tage SMV/W. 70 1 % 3 % 107 2 % 8 %
Anderes 59 1 % 13 % 68 1 % 16 %
Egal 96 2 % 26 % 99 2 % 42 %

Ein bisschen verwundern tun hier die Zahlen für „Egal“: Der Anteil an den überhaupt Punkte bzw. 3 Punkte oder mehr gebenden Abstimmenden ist hier zwar deutlich am höchsten, aber mir ist unklar, warum er doch noch so weit von 100 % entfernt ist. Welchen Sinn ergibt es, eine andere Alternative ähnlich hoch wie „Es ist mir egal.“ zu bewerten?

Auch andere Fragen (2 oder 3 Tage?, SMV behandeln oder nicht?) werden durch das Ergebnis nicht direkt beantwortet. Es wäre günstiger gewesen, diese Fragen unabhängig voneinander als Ja/Nein-Fragen oder mit Antwort-Möglichkeiten von „darf nicht“ bis „muss“ zu stellen.

Mit den Rohdaten dieser Umfrage lässt sich nur annähern, was das Ergebnis solcher unabhängiger Einzel-Fragen gewesen wäre. Hierzu fassen wir jeweils Abstimmende zusammen, die mindestens einer Alternative mit einer bestimmten Eigenschaft überhaupt Punkte („darf“) bzw. 3 Punkte oder mehr („darf gerne“) und keiner Alternative ohne diese Eigenschaft 3 Punkte oder mehr („soll“) bzw. überhaupt Punkte („muss“) gegeben haben.

Alternativen ≥1 ≥3 andere ≤2 andere =0
Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl Anteil
2 Tage? 4266 84 % 3961 78 % 1840 36 % 1360 27 %
3 Tage? 3696 73 % 3216 64 % 1095 22 % 790 16 %
Programm? 4279 85 % 3992 79 % 2645 52 % 1752 35 %
Nachwahl oder Neuwahl? 4027 80 % 3454 68 % 1505 30 % 1017 20 %
Neuwahl? 3304 65 % 2411 48 % 1064 21 % 777 15 %
SMV? 3093 61 % 2296 45 % 723 14 % 563 11 %

Was sagt uns das jetzt?

Trotz der suboptimalen Fragestellung laufen alle Interpretationen der Umfrage-Rohdaten auf sehr ähnliche Ergebnisse hinaus. Ich hoffe, dass diese von Bundesvorstand und Basis akzeptiert werden.

Comments

Posted by Grashalm GrünGlück (@KURHOF) at
Hey, wie kommts, daß Du DatenMüll als irgendwie aussagekräftig hältst, wenn
- das äußere Klima manipulativ ist (siehe Medien & Text-"Beitrüge" bei J/P)?
- der (letzte Piratige) BuVo-Vorsitzende SeipenBusch zu #Boykott riet?
- weniger als 25% von Befragten überhaupt antworteten?
- das WahlVerfahren nicht autorisiert war?
- die Wahl offensichtlichen MachtSpielen diente?
- die DatenSicherheit viele abschreckte?
- selbst Du die Fragestellung als unklar/... erkannte?
WEISE ist, wer weiß, daß er nixxxx weiß. Ganz sicher hier.
Andererseits:
super danke für die LEHRSTUNDE zB zu #BulletVoting.
Da jedoch das Thema so wichtig war, 85-95% gar keine Stimme abgaben (überhaupt nicht ..oder nicht zur Frage) - sollten die UMFRAGE-Organisatoren SOFORT ZURÜCKTRETEN.
Das dachte ich mir vorher auch schon -doch wer solche liebe Leute wie Dich soooo quält, obwohls pur gar keinen Sinn hat, der ist nicht Vertretungs- sondern evtl. sogar PAV-würdig.
Dank, Bewunderung & Beileid Dir. :-) <3 :-)
Posted by HeptaSean at
Ich finde eine Beteiligung von 5056 Pirat*innen (ja, ja, meinetwegen Mitglieder-Datensätzen mit E-Mail-Adresse) nicht so schlecht – gemessen an der Beteiligung an durchschnittlichen LiquidFeedback-Initiativen (selbst mit den nur durch Delegationen Beteiligten) oder auch der Präsenz auf Bundesparteitagen.

Ob der Boykott-Aufruf durch Jens irgendwelche Resonanz hatte, kann ich natürlich nicht beweisen, halte es aber für sehr fraglich.

Alle Varianten, wie jemensch auf die unklare, aber meiner Meinung nach nicht skandalöse Fragestellung reagieren könnte, habe ich oben versucht zu verwursten. Die Ergebnisse sind gegen so ziemlich alles stabil.

Die Beeinflussung durch interne und externe Medien und Multiplikatoren ist sicherlich vorhanden, aber sie ist immer – bei jedem Thema, bei jeder Art der Abstimmung in jeder Art von Organ – vorhanden.

Kurz: Diese Umfrage ist das Beste, was wir momentan bekommen können.

Eine Rücktrittsforderung daraus abzuleiten halte ich – ehrlich gesagt – für absurd. PAV sowieso.
Posted by Grashalm GrünGlück (@KURHOF) at
Lieber Benjamin,
Du bist irgendwie der LIEBste Pirat für mich. Vor allem, weil Du meinem Vater soo sehr ähnelst. Der hat mir mit 8 Jahren "Methoden der Statistik"(W(oody) Allen) geschenkt - und so machte ich viele Befragungen,.. und mehr.
Zweitens biste wie mein Vater, weil Du Dich voll in ein Thema hineingibst - und dabei Dich an der (männlichen) IN-group orientierst. Andersrum: Du arbeitest sachlich, aber bist mit HerzBlut dabei.
Leider ist die Welt nicht so schön
A. "Ob der Boykott-Aufruf durch Jens irgendwelche Resonanz hatte" - ich habe über 100 Tweets gelesen, wo Leute pur entsetzt waren. Wegen Fragen, Vorgehen, Methodik... - noch bevor Seipenbusch das offiziell machte;
B. "habe ich oben versucht zu verwursten. Die Ergebnisse sind gegen so ziemlich alles stabil."
Voll schön Deine AusdrucksWeise und ArbeitsWeise. Nur:
1. Wenn ein komplexes AussageSystem in sich stabil ist - hat es keine Relevanz und damit auch keine AussageKraft. Andersrum: nur theoretische oder fantasierte Aussagen stimmen trotz Kontext-Basierter Relativierung (so ziemlich) immer.
2. Du hast keinen Rückgriff auf irgendwas (Versender, LimeSurvey,..) - und das sollte Forscher sehr, Piraten totaaal stutzig machen. (Sorry, aber bei mir hat das nur Mitleids- bis Lachtränen, weil nicht Du was verwurstet hast, sondern selbst von nem ManipulationsSystem verwurstet wurdest - so wie zB mein Papa durch ne ParteiBürokratie verwurstet wurde)
C. "Die Beeinflussung durch interne und externe Medien und Multiplikatoren ist sicherlich vorhanden" - wenn "Troll des Jahres" Schmidtlepp & BILD zusammenwirken, dann ist das Verharmlosung. Sorry. Echt.
D. "Diese Umfrage ist das Beste, was wir momentan bekommen können" - leider nicht. Abgesehen davon, daß zB "Qualitative Untersuchungen" (Twitter,..) viel klarere Bilder,.. geben - gibt es die SONNTAGsFrage, die halb-verläßlich ist. Und dementsprechend ist die "Piraten-BGE-Fraktion" (50-70% der Wähler früher) plattgemacht worden.
Wie BGE-Ponader durch die "Umfrage" plattgemacht wurde.
Oh - mir fiel ein Begriff dafür ein: das war ne

UNfrage.  Gut?  Naja, ob die UN sich darüber freuen mag? ;) :D
Posted by HeptaSean at
Das ist ja sehr nett von Dir (zu einigen Pirat*innen, die ich für sehr wertvoll halte, hingegen weniger freundlich).

Es wird jedoch wenig an meiner Sicht ändern.

Ja, ich kann weder beweisen, wie klein oder groß die Anzahl der bewusst Boykottierenden war, noch, dass mein Vertrauen in die Nicht-Manipulation durch unseren Generalsekretär berechtigt ist. (Selbstverständlich wäre LimeSurvey in dieser Konfiguration für verbindliche Entscheidungen nicht akzeptabel.)

„Qualitative Untersuchungen“ finde ich recht spannend, gebe aber zu bedenken, dass sie in unterschiedlichen Filter-Blasen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen können.

Diese sind übrigens durchaus im Einklang damit, dass beispielsweise 777 Piratinnen (15 %) eine Neuwahl oder 563 Piratinnen (11 %) die SMV-Diskussion für unumgänglich halten (also keiner anderen Alternative auch nur einen Punkt gegeben haben). Das sind jeweils mehr als genug, um in der eigenen Umgebung den Eindruck zu bekommen, dass es viel mehr, vielleicht sogar die Mehrheit sind.

Die Beeinflussung der Abstimmenden ging zudem noch in alle Richtungen. In unserem LV gab es beispielsweise viele Meinungs-Äußerungen in Richtung einer Neuwahl. Auch das in den Massen-Medien transportierte Bild sprach eher für Neuwahl. Insofern sehe ich eher eine Entscheidung trotz Beeinflussung in die andere Richtung.

Ich sehe auch nicht, dass Johannes durch die Umfrage zwingend „plattgemacht“ wurde oder werden sollte, habe aber auch bis jetzt keine Einzelbewertungen veröffentlicht gesehen. Ob er sich das noch weiter antun sollte, ist eine andere Frage.

Inwiefern Du die „BGE-Fraktion“ auf dem Rückzug siehst, erschließt sich mir nicht. Sie ist – bei den Mitgliedern – meinem Eindruck nach sowohl in RLP als auch in Berlin immer noch recht locker die absolute Mehrheit – in unterschiedlichen Schattierungen von eher pragmatischen, eher langfristigen Befürwortern bis zu (zugegeben wenigen) Jetzt-Sofort-das-Wichtigste-BGElern. Ob sie allerdings je die Mehrheit unter unseren Wählern waren, scheint mir unklar.
Posted by HeptaSean at
Kann versuchen, das durch Schulze zu jagen, dauert aber ein bisschen (heute abend oder so) und ist nicht garantiert, irgendwie sinnvoll zu sein, da ja unter anderen Bedingungen abgestimmt wurde.
Posted by moonopool at
Gnihihi, ich hatte mir ähnliche Gedanken gemacht, allerdings noch ohne die Rohdaten zu haben: http://moonopool.wordpress.com/2013/03/04/bullshit-in-bullshit-out Interessanterweise hat der @BuBernd am Montag auch so gerechnet, kam allerdings zu einem etwas anderen Schluss als ich.

Es ist wirklich bedauerlich, dass die Fragen trotz mehrfachen Anstupsens nicht so formuliert waren, dass man die unaghängigen Optionen auch unabhängig auswählen kann: Programm ja/nein, Wahlen ja/nein, sMV ja/nein, 2 Tage/3 Tage/zusätzlicher PT. Es wäre so einfach gewesen. Naja, vielleicht lernen ja alle daraus und dann wäre es nicht völlig sinnlos gewesen.

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