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Ein bisschen Piratenpartei, ein bisschen alles andere

Schwarmintelligenz?

In meiner Twitter-Timeline fand sich gestern folgende Meinung zur so oft beschworenen Schwarmintelligenz:

Leute, die nicht verstehen, dass es bei Menschen weder Schwarmverstand noch -intelligenz gibt. Es gibt nur "Massenpsychologie" (negativ).

— [sfir'eks] (@sferex) February 11, 2012

Und Crowdsourcing, wo sich unter vielen einer mit einer klugen Idee findet, hat auch nichts mit Verstand oder Intelligenz der Masse zu tun!

— [sfir'eks] (@sferex) February 11, 2012
Mit Herz & Schwarmverstand – Saarland: 1,014 Mio. Experten
Quelle

Das ganze bezog sich auf das nebenstehende Wahlplakat der Piratenpartei Saarland.

Ja, ich denke, dass man den Tweets zustimmen muss. Es ist gerade in der Piratenpartei zu beobachten, dass die Masse nicht unbedingt „intelligenter“ ist als ihre Mitglieder. Im Gegenteil: Viele gute Ideen werden gerade dadurch ausgebremst, dass alle mitreden wollen, dass alle ihre Vorstellungen im Ergebnis wiederfinden wollen. Das, was als Ergebnis herauskommt, ist dann sehr uneinheitlich. Jeder kann mit Leichtigkeit viel finden, das ihm nicht gefällt, ihn vielleicht sogar abstößt. „Intelligent“ sieht irgendwie anders aus.

Es ist immer wieder zu beobachten, dass Menschen – gerade diejenigen, die mit dem momentanen Zustand von Politik, Gesellschaft und Welt besonders unzufrieden sind – dazu neigen, das, was sie für gut™ und richtig™ halten, als absolut zu setzen, dass sie sich anscheinend gar nicht mehr vorstellen können, dass man genau so berechtigt und überlegt auch zu anderen Vorstellungen und Meinungen kommen kann. Die Folge ist, dass Vertretern anderer Meinungen als der eigenen gerne und oft vorgeworfen wird, entweder vom „Mainstream“ oder von auch von offensichtlich zu einfachen Populismen verführt worden zu sein.

Wir sind die mit den Fragen – Ihr seid die mit den Antworten
Quelle

Ist unter solchen Bedingungen überhaupt Crowdsourcing möglich? Ist das Versprechen, den „1,014 Mio. Experten“ eine Stimme zu geben, einlösbar? Können wir wirklich angemessen auf die Antworten eingehen, die uns unsere Wähler auf unsere Fragen geben, wie das entsprechende Wahlplakat in Berlin es formuliert hat? Was machen wir bei sich widersprechenden Antworten? Fühlen sich die Wähler nicht doch ein bisschen verraten, wenn ihre Antwort dann doch nicht gehört wird?

Das Phänomen ist ja nicht auf die Piratenpartei beschränkt. Crowdsourcing funktioniert in vielen Open-Source-Projekten, in großen Teilen der Wikipedia und bei ähnlichen Projekten. Gerade in der Wikipedia zeigen sich bei umstrittenen Themen – vor allem im politischen und esoterischen Bereich – aber auch sehr schnell die gleichen Probleme. Es fällt schwer, die als grundfalsch empfundene Meinung mit Respekt zu behandeln.

Wir können, denke ich, „Herz und Schwarmverstand“ so verstehen, dass der „Schwarm“ – also die Gesellschaft als Ganzes und die Politik als ausführende Instanz – den „Verstand“ aufbringen muss, alle vorgeschlagenen Lösungen in Betracht zu ziehen, zu analysieren und die mit dem momentanen Wissen am Besten erscheinende auszuwählen, und das „Herz“, die Vertreter der unterschiedlichen Meinungen zu respektieren, unabhängig davon, ob sie bei dieser Auswahl erfolgreich oder unterlegen sind.

Mit dieser Interpretation ist das Plakat in meinen Augen durchaus dazu geeignet, eine Vorstellung von einem neuen „Betriebssystem“ für Politik zu liefern. Wir dürfen nur nicht jedem einzelnen Wähler versprechen, dass seine „Antwort“, seine „Experten“-Meinung mit uns auf jeden Fall umgesetzt wird. Wenn wir das Ziel verfolgen (und nicht der Illusion erliegen, es schon erreicht zu haben), ein politisches System und Klima zu schaffen, in dem jede Meinung, jeder Lösungsvorschlag in Diskussion und Entscheidung eine faire Chance hat, sind wir auf einem guten Weg.

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